Nord-Süd-Trail Tag 14

Freundentänze und Tiefpunkte

Völlig erschlagen wache ich auf. Die letzte Nacht war nicht sonderlich erholsam für mich. Dennoch bin ich ganz guter Dinge und freue mich auf den kommenden Tag. Frühstücken wollen wir allerdings an einem anderen Ort, da es hier noch immer sehr windig ist und alles ist nass vom Tau.

Camp bei Tagesanbruch

Nach einem schönen Abschnitt entlang von Feldern und Wäldern im Wechsel, kommen wir auch heute nicht um einen Road-Walk herum und laufen mal wieder an einer viel befahrenen Straße entlang. Hier befindet sich immerhin ein recht gut begehbarer breiter Gravelstreifen zum Gehen. Endlich biegen wir in ein Waldstück ab. Als wir fast aus diesem Waldstück auf das Nächste Feld heraustreten raschelt es neben mir im Gebüsch und zunächst denke ich, es sei ein Fuchs, der auf mich zuläuft. Aber dann teilt sich der vermeintliche Fuchs und ein Eichhörnchen rennt direkt vor mir über den weg, während das andere die Notbremse zieht. Beide verziehen sich schimpfend ins Unterholz. In der Hoffnung, dass sich eines der beiden noch einmal auf die andere Seite traut, warten wir regungslos ab. Als das aber nicht passiert, beschließen wir, die beiden in Frieden zu lassen und weiter zu laufen.

Nur wenige Meter entfernt ruft Henning – der immer einige Meter vor mir läuft – aufgeregt „eine Schlange!! Schatz, hier ist eine Schlange!“ Also schließe ich aufgeregt, aber vorsichtig zu ihm auf. Zunächst sehe ich die Schlange nicht, aber Henning zeigt mir vorsichtig, wo sie wenige Meter vor uns im mittleren Grasstreifen des Weges liegt. Henning erklärt mir aufgewühlt, er hätte zunächst gedacht, dass auf dem linken Stück des Weges ein Fahrradschlauch läge, aber der habe sich in den Streifen aus Gras zwischen den beiden Fahrtrassen des Weges bewegt.

Ringelnatter

Geduldig warten wir ab, machen Fotos und Videos und hoffen, dass sich die Ringelnatter aus ihrem Versteck hervortraut. Und dann kriecht sie über den Weg und man erkennt deutlich, dass sie vor kurzem erst etwas gefressen hat, da sie eine dicke Beule am Bauch (?) hat.

Ringelnatter

Wir sind so aufgeregt und führen ein kleines Freudentänzchen auf, nachdem sich die Schlange in Sicherheit begeben hat. Wahnsinn! Eben noch hatten wir auf einem Hinweisschild gelesen, dass man in der Nähe gute Chancen hat, die Nattern zu sehen, aber je weiter wir weg liefen, desto weniger glaubten wir, noch eine entdecken zu können. Und dann sehen wir auch noch so ein großes Exemplar!

Voller Euphorie führen wir unseren Weg fort. Weiter geht’s durch den Wald, der wirklich sehr schön ist. Auch heute ist es wieder ziemlich warm und im Wald lassen sich die hohen Temperaturen ganz gut aushalten. Jedoch ist weit und breit mal wieder keine Bank zu finden und so legen wir eine Pause ein, als wir an eine Kreuzung kommen, an der ein sehr breiter Buchenstamm liegt. Ich lege mich auf den Boden davor, um meine Füße hochzulagern und Henning macht es sich auf dem Baumstamm bequem.

Pause

Wir dösen eine Weile und dann wandern wir weiter. Kurz nach unserem Pausenplätzchen kommen wir wieder auf offenes Feld. Nun wird es mal wieder Zeit für den Sonnenschirm. Da ich meine Wanderstöcke als Unterstützung für die Gelenke brauche, klemme ich meinen Schirm immer an meinem Brustgurt ein. So schützt er mich vor Sonne und Regen und ich hab die Hände frei, um mit den Stöcken zu wandern. Jedoch erwischt eine Windböe den Schirm so, dass eine Strebe bricht.

Mittlerweile haben sich bei mir die Müdigkeit, Erschöpfung, schmerzende Gelenke, die Hitze und die Tatsachen, dass mein Kopfkissen kaputt ging und ich meine liebste Kappe verloren habe so sehr aufgestaut, dass diese gebrochene Strebe an dem teuren Sonnenschirm das Fass zum Überlaufen bringen. Und so breche ich an diesem eigentlich wundervollen Tag mitten auf diesem Feldweg so heftig in Tränen aus, dass vor lauter heulen nichts mehr sehen kann. Ich schluchze richtig. Henning bekommt von all dem überhaupt nichts mit, da er einen Abstand von gut 300 Metern zu mir aufgebaut hat. Der Feldweg führt zum Schlosshof Sierhagen, wo es einen kleinen Hofladen gibt, wo Henning mich bereits freudestrahlend erwartet und gerne ein Eis essen möchte. In meinem Frust lehne ich aber ab, mir ist es vollkommen unangenehm so verheult neben den anderen Leuten ein Eis zu essen. Henning versteht natürlich nicht, was so schlimm daran ist, dass mein Schirm kaputt gegangen ist. Das ist ja nunmal kein Grund, sich so aufzuregen. Aber für mich ist das alles in dem Moment viel zu viel. Und so laufe ich weiterhin leise schluchzend hinter ihm her, denn jetzt kommt auch noch das blöde Gefühl dazu, mich wie ein trotziges Kind aufzuführen und ich habe ein schlechtes Gewissen, weil er mir einfach an diesem heißen Tag eine Freunde mit einem Eis machen wollte.

Gedanken wie „Ich will einfach nur nach Hause“, „Wieso tue ich mir das immer noch an“, „Mir tut alles weh“, „Ich werde den PCT bestimmt niemals beenden“ usw. schießen durch meine Gedanken. Wir laufen stumm weiter. Nach gut 20 Minuten kommen wir an eine Wiese mit Kühen. Hier stehen große und junge Kühe, in allen möglichen Farben, uns sie starren uns an, als wären wir verrückt.

Der Tag ist wunderschön, kein Wölkchen am Himmel zu sehen, wir steuern McD. an, damit wir unsere Elektronik aufladen können, und um etwas zu essen. Ansonsten sehen wir nicht viel von Neustadt in Holstein. Nach etwa einer Stunde Pause im McD. habe ich mich auch wieder komplett gefangen. Wir wollen noch ein Stück weiter wandern. Wildcampen steht wieder auf der Tagesordnung. In der Ferne sehen wir beim Verlassen von Neustadt den Freizeitpark Hansa-Park. Wir unterqueren die Autobahn und gelangen auf Feldwegen zum Ort Oevelgönne. Die Felder rundherum werden grade alle gepflügt, deshalb Wandern wir noch weiter. Aus Angst, dass die Bauern auch die Nacht durcharbeiten und uns auf irgendeinem Feld vielleicht übersehen könnten, wandern wir bis zum Einbruch der Dunkelheit. An einer Straße fällt mir ein Streifen Wiese zwischen einer abgezäunten Weide und einer Dornenhecke auf. Gerade breit genug, dass Hennings Zelt dazwischen passen würde. Kurzerhand bauen wir trotz extremer Unebenheiten das Zelt auf. So einen schlechtes Camp hatten wir wirklich noch nie! Ohne Abendessen – wir sind noch voll von McD. – geht’s ins Bett.

Links direkt die Straße und eine Dornenhecke, rechts eine angezäunte Weide

Vollkommen erschöpft von den Ereignissen des Tages.

Gewanderte km: 34,6

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